Buchobjekte - Träger von Wissen, Zeit und Erinnerung
Bücher sind weit mehr als bedrucktes Papier. Sie sind Speicher kollektiven Wissens, intime Begleiter, Orte innerer Weltreisen. In einer zunehmend digitalen Gegenwart, in der Informationen in Sekundenschnelle abrufbar sind, verlieren physische Bücher scheinbar an Relevanz. Doch genau in diesem Spannungsfeld beginnt meine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Buch als Objekt, als Material, als Denkraum.
Die Buchobjekte, die im Rahmen einer Ausstellung in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe gezeigt wurden, entstanden aus alten Nachschlagewerken, die von der Bibliothek ausgesondert worden waren. Es handelt sich um ehemals autoritative Werke – Lexika, Enzyklopädien, Sachbücher –, die einst das gesammelte Wissen einer Zeit festhielten. Ihr Aussondern markiert nicht nur das Ende einer Nutzung, sondern auch das Verblassen eines bestimmten Verständnisses von Weltordnung, Wahrheit und Gültigkeit.
Ich habe diese Bücher nicht zerstört, sondern verwandelt. Durch Faltung, Schichtung, das Herausschneiden, Überlagern und Neu-Komponieren entstehen plastische Arbeiten, die das Material zum Sprechen bringen. Die Seiten falten sich wie Erinnerungen, öffnen sich wie Gedanken, brechen auf wie Fragen. Der Text tritt zurück, die Form übernimmt – und doch bleibt das Wissen als Echo spürbar.
Diese Transformation stellt Fragen:
Was passiert mit Wissen, das nicht mehr gelesen wird?
Welche Autorität gestehen wir dem Buch noch zu in einer Zeit, in der Algorithmen uns Informationen vorfiltern?
Was bleibt, wenn der Inhalt verschwindet – und nur noch das Trägermaterial zurückbleibt?
Bücher sind nicht nur Informationsquellen, sie sind kulturelle Identitätsobjekte. Wir verbinden mit ihnen Biografien, Bildung, Zugehörigkeit, auch Schutz. Das Buch in der Hand ist ein anderes als der Text auf dem Bildschirm. Die Masse, der Geruch, das Geräusch beim Umblättern – all das gehört zur sinnlichen und emotionalen Dimension von Lesen, Erinnern, Verstehen.
Meine Buchobjekte machen diese Schichten sichtbar. Sie erzählen nicht mehr von Begriffen und Definitionen, sondern von Verlust, Wandel und Neubeginn. Sie stehen für eine andere Lesbarkeit – jenseits des Inhalts, hin zur Form. Als skulpturale Arbeiten laden sie dazu ein, innezuhalten, zu betrachten, vielleicht selbst wieder zu fragen: Was bedeutet ein Buch heute? Und was darf es morgen noch sein?