Reflexionen eines Tisches
Ich stehe hier, mitten im Wald, wo eigentlich kein Tisch sein sollte. Meine Oberfläche ist mit Spiegeln bedeckt, die das grüne Blätterdach, die tanzenden Sonnenstrahlen und die vorbeihuschenden Waldtiere einfangen. Ein seltsamer Vermittler bin ich zwischen Natur und Kultur, zwischen dem, was gewachsen ist und dem, was gemacht wurde.
Auf mir ruht eine prall gefüllte Einkaufstasche, wie man sie im Supermarkt bekommt. Sie trägt in sich die Früchte menschlicher Zivilisation – verpackt, etikettiert, transportiert. Auch sie ist von einer Spiegelfläche gekrönt, als wolle sie sagen: Schau hin, was du konsumierst, es spiegelt wider, wer du bist.
In meinen Spiegeln sehe ich täglich die Wahrheit unserer Zeit. Morgens das Reh, das misstrauisch meine fremde Gestalt betrachtet. Mittags den Wanderer, der überrascht innehält, sein eigenes Gesicht inmitten der Bäume erblickend. Abends die sinkende Sonne, die meine Flächen in Gold taucht und den Wald in meinen Spiegeln in Flammen zu setzen scheint.
Ich reflektiere mehr als nur Bilder. Ich werfe Fragen zurück: Warum steht ein Tisch im Wald? Warum trägt er eine Einkaufstasche? Die Antworten liegen in den Kontrasten, die ich verkörpere. Natürliches und Künstliches. Wachsendes und Produziertes. Wald und Konsum.
In meinen Spiegeln sehe ich, wie der Plastikrand der Einkaufstasche im Wind flattert, während daneben ein Blatt seinen natürlichen Tanz vollführt. Ich reflektiere Regentropfen, die an Tannenzweigen hängen, und gleichzeitig das glänzende Verpackungsmaterial, das aus der Tasche lugt.
Ich bin eine stille Mahnung. Ein Kunstwerk, das keine lauten Anklagen erhebt, sondern einfach zeigt, was ist. Die Natur und was wir ihr entgegenbringen. Die Schönheit des Waldes und die Allgegenwart menschlicher Eingriffe. In meinen Spiegeln liegt die Einladung, genauer hinzusehen und die eigene Rolle in diesem Bild zu erkennen.
Täglich ändert sich, was ich widerspiegele, doch die Botschaft bleibt: Wir sind verbunden mit diesem Wald, mit dieser Erde. Was wir konsumieren, was wir zurücklassen, spiegelt wider, wer wir sind und was wir wertschätzen. Die Frage ist nur: Gefällt uns, was wir in diesem Spiegel sehen?
Auf der grünen Meile im TAL X bin ich zu finden.